Konstruktion und Bau der Fernweh, geschrieben vom Erbauer, meinem Großvater
1. Vorbereitung 2. Der Bauplatz 3. Erste Bauphase 4. Stapellauf 5. Zwischenfälle 6. Fertigstellung


Die Anpassung des Lunze Getriebes war natürlich ein Problem für uns. Die Herren der modernen Bootsmotorenhersteller würden einen Infarkt bekommen, wenn sie gesehen hätten, wie ein schier unlösbares Problem mit einfachsten Mitteln gelöst wurde und zuverlässig die nächsten 12 Jahre lief. 
Unsere Aufbauten fertigten wir aus 2mm Tiefziehblech. Das war bedeutend weicher und ohne Zunder. Einen „Großauftrag“ konnten wir bei einer kleinen Firma unterbringen, die eine 3m Schlagschere und eine Abkantbank hatte. Hier ließen wir alle Zuschnitte für die gesamten Aufbauten zuschneiden und abkanten. So brauchten wir alles nur Längen und verschweißen. Mitte Juni 1984, zum geplanten Stapellauf, war das gesamte Aufbauten – Problem gelöst, Fensterrahmen vermessen, Bulleyes, Fußböden und Tanks drin – alles was so zum Schwimmen dazugehört, erledigt. Ruderanlage, Wellenanlage, Anker, Schmutzwasserzelle, diverse Ventile und Rohrleitungen wurden installiert. Jetzt im Nachhinein hört sich alles an, als wäre es ein Klacks. Wenn man aber bedenkt, dass wir alle Winkel und Bandeisen, die wir einbauten mit 4mm Löchern im Abstand von 150mm versahen, um nachher irgendwelche Verkleidungen befestigen zu können, wird klar welche Arbeit das war. Wer jemals im fertigen Schiff ein Loch in einen Spant gebohrt hat der weiß wovon ich rede. Vor dem Stapellauf musste natürlich gestrichen werden. Da wir Walzblech verwendet hatten, mussten wir den ganzen Körper schleifen, damit die Farbe hielt. Die letzte Phase vor dem Stapellauf, war wiederum mit viel Nebenarbeit erfüllt. Zuerst benötigten wir einen Transportwagen. Dazu kauften wir einen Bagger vom Schrott, da wir die beiden Achsen benötigten. Diese verbanden wir mit zwei kräftigen Doppel T – Trägern im Abstand von 6m und schweißten Rungen in Bootsform darauf. Für den Traktor der uns ziehen sollte, wurde ein 4m langes Zugrohr an das Drehgestell geschweißt und los ging es. Dabei war zu bedenken, dass wir eine Transporthöhe von 3,5m hatten. Wir mussten von riesigen Bäumen Äste entfernen, Schlaglöcher schließen, Telefonleitungen und irgendwelche Kabel anheben, die vorher kein Mensch wahrnimmt. Dazu wurde am Abend zuvor eine Kalterprobungsfahrt durchgeführt. Mit entsprechenden Isolierstangen mussten wir die fast 2km durch die Stadt zurücklegen, um eventuelle Hindernisse aufzuspüren. Im Morgengrauen erfolgte die unheimliche Fahrt. Die größte Angst bereitete uns natürlich unser Transportwagen. Wahrscheinlich aber hatten wir eine gute Schweißarbeit abgeliefert: es hielt alles. Dass die Sektflasche bei der Taufe nicht zerbrach, hatte bis jetzt noch keine Auswirkungen. Schließlich ist das bei der Taufe der "Queen Victoria" im Dezember 2007 auch passiert. Na, wir werden das mal verfolgen.

Natürlich war das alles ein furchtbarer Stress –  nicht auszudenken wir wären mitten in der Stadt liegengeblieben. Erkennbar war dieses Ereignis am deutlichsten an meiner Figur. Ich hatte in der Woche 6 kg abgenommen. An dieser Stelle möchte ich mal einen „Großen Dank“ an meinen Freundeskreis loswerden, der uns dabei so toll unterstützt hat und vor allen Dingen an die Familie. Wir waren ja so ganz nebenbei verheiratet, hatten Kinder und sogar ein Enkel war dabei. Was musste da alles zurückgesteckt werden. Wenn ich Abends nach Hause kam, nachdem ich 100 mal ins Boot geklettert war, zur Werkstatt, gebohrt, gesägt geschliffen, gemessen, angepasst und geschweißt, um Mitternacht aufs Fahrrad und in die Wanne, zitterten mir die Knochen, dass sich das Wasser in der Wanne kräuselte, wie im Hafen bei Windstärke 2. Hinzu kam, dass wir ja in einem ganz geregelten verantwortungsvollen Arbeitsverhältnis standen und dies alles nur nach Feierabend, an Wochenenden und im Urlaub bewerkstelligen konnten. Einer unserer Leitsprüche war: „Jeden Tag eine gute Tat, dann ist es zu schaffen". Damit komme ich zu einem der traurigsten Kapitel dieser Geschichte. (.....)

 


 
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